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ROSE OF INDIA - Zurück in Puntland

Achmet war in der Hölle gelandet, das wusste er mit Gewissheit. Um ihn herum röhrte und wieherte es, alles drehte sich, aus seinen verquollenen Augen konnte er nichts sehen; riechen, nein, da wo seine Nase gewesen war, klebte ein blutiger Brei und Rotz tropfte ihm zwischen die aufgeschlagenen Lippen. Er kannte das Böse, es konnte überall auf der Welt zuschlagen. Er war in Mogadishu aufgewachsen, in einer Stadt, durch die seit Jahren die Fronten der Bürgerkriegsparteien verliefen, die sich einmal vor- und einmal rückwärts bewegten. Täglich starben Dutzende Menschen im Kugelhagel. Er hatte das wie durch ein Wunder überlebt, zugegeben, er war einige Mal am Tod vorbeigeschrammt, hatte immer Glück gehabt. Und nun erlebte er die Hölle, ausgerechnet in Zürich, einer der sichersten Städte Europas, deren Bewohner Kriege nur vom Hörensagen kannten. In der Ferne leuchteten die Lichter der Stadt mit ihren spiegelblanken Häuserfassaden. Welch Ironie des Schicksals? Er hatte für einen Augenblick nicht aufgepasst, in der schein-baren Sicherheit vergaß er die Vorsicht. Der Angriff kam un-erwartet und traf ihn umso härter. Er wusste nicht, wo sie ihn hingeschleppt hatten, erkennen konnte er kaum etwas in der Dunkelheit, die nur gelegentlich von den Scheinwerferlichtern eines vorbeifahrenden Autos unterbrochen wurde. Achmet schmeckte Blut, und mit seinen Zähnen stimmte etwas nicht. Schon in seiner Kindheit sagte ihm seine Großmutter im-mer, wenn er lieber den Räuber als den Polizisten spiele, werde es mal schlimm mit ihm enden. Er hätte auf sie hören sollen, auch auf die Beschwörungen der Sippe, Fischer zu werden wie sein Vater und davor sein Großvater. Aber er hatte die Schiffe gesehen, die, von überallher kommend, das Gift vor der Küste versenkten und damit alle Lebewesen im Meer verseuchten –, und die Menschen, die sich davon er-nährten, bekamen Krankheiten, für die es keine Namen gibt. Nein, er hatte beschlossen, sich ein Stück von dem uner-messlichen Reichtum der Industrienationen zurückzuholen. Was ihm bis heute auch gut gelungen war. Er besaß viel Geld, sogar ein Bankkonto, und den magischen Rubin ‚The Rose of India‘, der ihm Macht und Würde verlieh. Er trug einen teuren Anzug, den ihm der berühmte Schneider Arma-ni genäht hatte, und er konnte die Puppen tanzen lassen, wenn es ihm danach gelüstete. Er durfte sich einfach nicht erwischen lassen. Genau! ‚The Rose of India‘ war schuld daran, dass sich sein Glück plötzlich wendete. Eine Stiefelspitze grub sich unbarmherzig in seine Weich-teile und ließ ihn aufheulen. Todesangst trieb ihm kalten Schweiß auf die Stirn, in seinem Bauch brannte ein Feuer, sein Kopf fühlte sich an, als wäre er in heißes Öl eingelegt, und Schmerzen durchbohrten ihn bei jedem Atemzug. Verzweifelt versuchte er, den Tritten zu entkommen, schüttelte wieder und wieder den Kopf, um das Bewusstsein nicht zu verlieren, und kroch auf weichen Knien auf allen vieren weg. Dabei versanken seine Hände im Sand und er fragte sich, ob er in der Wüste war. Hatte er alles nur ge-träumt? War er nicht mehr in Zürich, sondern zu Hause in Puntland und wartete auf das Lösegeld? Achmet versuchte seine Gedanken zu fassen, doch sie surrten umher wie ein Mückenschwarm. Er blinzelte, um etwas zu erkennen. Seine Zunge fühlte sich an wie ein vertrockneter Schwamm, seine Kehle war vom Schnaps ausgebrannt und er unendlich durs-tig. Wo war eigentlich Joe? War er in der Bar geblieben, wo sie mit den hübschen Mädchen feierten und tanzten? Achmet hatte den Ladys ein paar Drinks spendiert und er trank na-türlich mit, das war Ehrensache, obwohl Alkohol ihm nicht bekam. Fasziniert war er dem schwingenden Po einer Blon-dine auf deren Zimmer gefolgt, als vor ihm zwei Höllenge-stalten auftauchten und ihn zur Hintertür hinaus auf den Hof stießen. Sie schlugen auf ihn ein, stopften ihm eine Flasche zwischen die Zähne und hielten ihm die Nase zu, bis er schluckte. Auf seine Fragen antworteten sie mit Prügeln und sie flößten ihm unablässig das ätzende Zeug ein, bis er die Besinnung verlor. Als er wieder zu sich kam, waren sie nicht mehr in dem dunklen Hinterhof und die Teufel saßen ihm im Nacken. Auf Händen und Knien versuchte er zu entkommen, doch es gab kein Entrinnen. Ein Stiefel traf ihn in den Bauch, drückte ihm den Mageninhalt hoch und er schmeckte bittere Galle. Sie waren über ihm, er hörte ihr Grölen. Wie die meisten Men-schen in diesem Land mit den blitzsauber geputzten Häusern und den ernsten Gesichtern kannten sie kein Mitleid. Auch dem nächsten Tritt konnte er nicht ausweichen. Wenn er nur wenigstens diesem wehleidigen Klagen entfliehen könnte. So schnell er auch kroch, es blieb immer gleich nah. Als käme es aus seiner Brust. „Ja, kriech wie ein Wurm, du Wüstensohn. Du bist ein Wüstenwurm – Ha, ha!“ Das gemeine Lachen übertönte für kurze Zeit das Gejam-mer. Erschöpft knickten seine Arme ein, er konnte nicht mehr. Diesmal traf ihn ein spitzer Absatz an der Stirn, er schrie auf, wand sich, krümmte sich zusammen und blutiger Nebel senkte sich über seine Augen. Verbissen robbte er weiter, bis er zu seinem Erstaunen Wasser an den Händen spürte. Mit letzter Kraft zog er sich näher und tunkte seufzend seinen Kopf ins kühle Nass. Ah! Herrlich. Das Dröhnen in seinen Ohren drang nur noch gedämpft zu ihm durch und zwischen Ein- und Auftauchen glaubte er das Knattern eines Außen-bordmotors zu hören. Endlich! Das mussten seine Freunde sein, die kamen, um ihn hier rauszuholen. Alles wurde gut! Er war zurück in seiner Heimat, am Horn von Afrika. Achmet entspannte sich. Er spürte nicht den Stiefel, der ihn unter Wasser drückte.